Von den Abgründen des Vergessens zur Ewigkeit

Von den Abgründen des Vergessens zur Ewigkeit

Der Mensch wurde zum Herrscher der Welt, als er lernte, Informationen zu übermitteln und zu bewahren. Sprache und Schrift – sie helfen uns, die in „Lehmhütten wohnen, deren Fundament Staub ist“ (Hiob 4:19), die Ewigkeit zu spüren.

Wissen Sie, ich hatte Glück. Mein Großvater Albert, der fast sechsundneunzig Jahre alt wurde und erst vor Kurzem verstorben ist, schaffte es, ein Buch zu schreiben. In diesem Herbst spazierte ich wieder durch die Dresdner Altstadt – aber nun ohne ihn. Doch das Buch, voller unglaublicher Geschichten seiner dramatischen Jugend unter der Aufsicht des NKWD beim Holzfällen in der Taiga, in den „Viehwagen“ der Verschleppten, blieb als letzter Gruß meines Großvaters nicht nur für mich, sondern auch für meine Söhne – und mit Gottes Hilfe vielleicht auch für meine Enkel und Urenkel … Mein Großvater bedauerte stets, dass er einst nicht genug über die Vergangenheit seiner Eltern – meiner Urgroßeltern – erfragt hatte. „Sie haben so viele gute Geschichten mit ins Grab genommen“, sagte er oft.

Geschichte lebt, wenn sie bewahrt wird. Wenn sie aufgeschrieben, festgehalten, dokumentiert wird. Für die Deutschen in Kasachstan ist dieses Thema heilig, denn alles, was mit nationaler Identität zu tun hatte – seien es Fotos, Bücher oder Gebetbücher – wurde unseren deportierten Großeltern buchstäblich mit Gewalt genommen, um ihnen den historischen Boden unter den Füßen wegzuziehen, um uns zu wurzellosen, heimatlosen, erinnerungslosen Menschen zu machen.

Um den Deutschen in einem Deutschen zu töten, muss man nicht einmal auf ihn schießen.

Noch lebt die Generation des Krieges und der Nachkriegszeit. Sie erinnert sich an Hunger, Demütigungen und den Traum von der verlorenen Heimat. Wir – wenn wir uns selbst treu bleiben wollen – müssen diese Kette der Erinnerung, die überlieferten Erzählungen und Traditionen an unsere Nachkommen weitergeben. Ein auf dem Dachboden verstecktes Familienalbum mit vergilbten Fotos kann jedem, der sich dafür interessiert, viel erzählen. Jede Erzählung einer Großmutter wird nicht „begraben“, wenn wenigstens eine Hand sie aufschreibt. Von den Abgründen des Vergessens zur Ewigkeit sind es nur wenige Berührungen eines Smartphones.

Sie können Ihren Landsleuten in dieser edlen und dankbaren Aufgabe ein Vorbild sein. Es ist nicht schwer. Teilen Sie die Geschichten Ihrer Vorfahren, Scans alter Fotos und jegliche Chroniken Ihrer Familie mit den Teilnehmern unseres Projekts! Die Familiengeschichte darf nicht zu einem vagen Mythos „Irgendwo, irgendwie, irgendwann“ werden – nicht, wenn wir uns selbst nicht aufgeben. Nicht, wenn wir immer noch Wir sind.

Igor Niederer
Mitglied des Kuratoriums der Stiftung „Kasachische Vereinigung der Deutschen ‚Wiedergeburt‘“,
Freiwilliger des Projekts INTERAKTIVES ARCHIV DER DEUTSCHEN IN KASACHSTAN


Videomaterial
Prev
Next